Geely will Sportwagen-Ikone aufpäppeln - Lotus soll sich mit China-Milliarden neu erfinden
Von Wilfried Eckl-Dorna
10.08.2018
Ihre Modelle trugen so klingende Namen wie Elan, Esprit oder Elise. Doch in den vergangenen Jahren verblasste der Glanz der britischen Sportwagenmarke Lotus fast vollständig. Statt Dienstwagen für James-Bond-Filme zu liefern, fuhr Lotus im Kriechgang und fast unterhalb der Wahrnehmungsschwelle durch die weltweiten Automärkte. Ehrgeizige Wiederbelebungspläne floppten, nicht zuletzt weil das Geld des malayischen Eigentümers Proton ausblieb.
Vor vier Jahren übernahm dann der ehemalige PSA-Chef Jean-Marc Gales das Steuer von Lotus Cars und baute erst mal kräftig Stellen ab. Immerhin erreichte er mit viel Disziplin im Jahr 2016 einen kleinen Vorsteuergewinn - den ersten seit 20 Jahren. Doch große Sprünge waren für den britischen Leichtbauspezialisten mangels Kapital dennoch lange nicht drinnen.
Das könnte sich bald ändern: Wie die Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf eingeweihte Kreise berichtet, erwägt der chinesische Autohersteller Geely eine milliardenschwere Investition in die britische Sportwagen-Marke. Die Chinesen könnten mindestens 1,5 Milliarden britische Pfund (1,7 Milliarden Euro) in das britische Unternehmen stecken und damit Werke und Entwicklungszentren ausbauen. Zudem soll Geely über eine Aufstockung seines Anteils an der britischen Sportwagen-Ikone verhandeln - mit seinem malaysischen Partner Etika Automotive, der aktuell 49 Prozent an Lotus hält.
Seit Herbst 2017 hält Geely eine 51-prozentige Mehrheit an Lotus. Zu Geelys Reich gehört zudem seit 2010 auch die schwedische Automarke Volvo, die unter den Fittichen ihres chinesischen Eigners ein vielbeachtetes Comeback hingelegt hat. Und Geely-Gründer Li Shufu scheint entschlossen zu sein, nun auch Lotus zu neuer Blüte zu bringen.
Gegenüber Bloomberg gaben sich beide Seiten zugeknöpft über ihre Pläne. "Geely bekennt sich uneingeschränkt dazu, Lotus als führende globale Luxusmarke wiederherzustellen", erklärte der chinesische Autohersteller gegenüber der Nachrichtenagentur immerhin. Etika antwortete jedoch nicht auf Anrufe von Bloomberg.
Die mögliche Milliarden-Geldspritze für die Briten würde zumindest gut in Lis Plan passen, mit seiner Geely Holding den ersten chinesischen Autohersteller von Weltrang zu zimmern. Neben Volvo und Lotus gehört auch die London Taxi Company zu Lis Markenreich - Li übernahm 2013 die Reste des insolventen Herstellers, der nun London EV Company heißt. Das Unternehmen stellt die schwarzen Taxis her, die in der britischen Metropole fast schon zum Stadtbild gehören. Und auch an einem der größten deutschen Autohersteller ist Li beteiligt: Ende Februar stieg Li im großen Stil bei Daimler ein und avancierte mit 9,7 Prozent der Daimler-Anteile zum größten Einzelaktionär der Schwaben.
Mit Volvo hat Li nun bereits eine profitable Nobelmarke in seinem Reich, in China ist Geely im Massenmarkt erfolgreich. Die Lücke dazwischen soll Geelys neue Marke Lynk & Co schließen, die stark auf Vernetzung und Teilmöglichkeiten setzt - und gemeinsam von Geely- und Volvo-Ingenieuren entwickelt wurde. London Taxi hat Geely komplett auf Elektroantrieb umgestellt, und auch bei Volvo und Geely selbst gibt es ehrgeizige Pläne für die Elektrifizierung der ganzen Flotte.
Sportwagen hat Geely bislang nicht im Programm, einzig Volvos High-Performance-Abteilung Polestar geht mit ihren geplanten Elektroautos in diese Richtung. Lotus gilt seit Jahrzehnten als Leichtbau-Spezialist; die Fahrzeuge der Briten sind leichter und wendiger als etwa die des großen britischen Konkurrenten Aston Martin. Deutlich preiswerter sind sie auch, allerdings auch längst nicht so luxuriös oder komfortabel.
Doch bei Volvo hat Geely schon einmal gezeigt, wie man eine etwas ramponierte Marke erfolgreich wieder flottmacht und modernisiert, ohne den Markenkern aufzugeben. Ziemlich wahrscheinlich ist, dass Li bei der Wiederbelebung von Lotus auf interne Zusammenarbeit zwischen seinen Marken setzt, wie es zuletzt etwa Volvo und Geely durchexerziert haben. Oder er setzt auf Partnerschaften mit anderen Herstellern: Zuletzt wollte Li als Großaktionär Daimler zu Allianzen drängen, blitzte aber vorerst ab.
Die erste Phase der Geely-Investitionen bei Lotus soll laut Bloomberg eine Ausweitung des Werks in Hethel umfassen. Dafür sollen 200 Ingenieure neu eingestellt werden. Später soll Lotus dann eine zweite Fabrik in Großbritannien bekommen. Den Bau eines neuen Design- und Innovationszentrums in Coventry hat Geely bereits vor zwei Monaten zugesagt.
Mit der Geldspritze für Lotus hofft Geely, sich gegen die Luxus-Sportwagenmarken Porsche und Ferrari in Stellung zu bringen - auch wenn deren Verkaufs- und Gewinnzahlen in ganz anderen Dimensionen laufen als bei dem britischen Sportwagenhersteller. Lotus kam im vergangenen Jahr gerade mal auf 1600 verkaufte Fahrzeuge - Ferrari lag bei 8400 Fahrzeugen, Porsche bei 246.000.
Und Lotus ist, bedingt durch den langjährigen Kapitalmangel, bei vielen Trends weit abgehängt. So arbeiten die Briten erst seit kurzem an einem SUV, Alternativen zu Verbrennungsmotoren gibt es gar nicht erst im Angebot, und auch bei Assistenzsystemen oder Infotainment-Angeboten hinkt Lotus klar hinterher.
Doch nun weht frischer Wind bei Lotus - nicht nur in punkto Kapitalausstattung, sondern auch an der Spitze. Anfang Juni gab der Franzosen Gales seinen Spitzenposten aus persönlichen Gründen auf, bleibt Lotus aber als Berater erhalten. Neuer Lotus-Chef wurde Feng Quinfeng, der mehrere Jahre lang Geelys Forschungszentrum leitete und für eine von Geelys chinesischen Automarken verantwortlich war.
Mit diesem Schachzug bindet Geely-Eigentümer Li Shufu den respektierten bisherigen Lotus-Chef weiter ein, hat aber gleichzeitig noch einen Vertrauensmann an der Spitze. Es ist ein weiterer Fingerzeig dafür, dass Geely es ernst meint mit der Wiederbelebung der britischen Sportwagen-Ikone.